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Pacific News 12 Februar/März 1999

Strategische Überlegungen in Singapur


 
Paul Blazek


Wie bereits die Krise zur Mitte der 80er Jahre zeigte, und die gegenwärtige Entwicklung bestätigt, ist die Dauerhaftigkeit des ökonomischen Erfolgs Singapurs stark von externen Einflußfaktoren abhängig. Konnte sich Singapur zwar noch zu Anfang der aktuellen Asienkrise von der Entwicklung in der Gesamtregion abkoppeln und für 1997 ein gesamtwirtschaftliches Wachstum von 7,6% aufweisen, so wurden 1998 die Krisenfolgen auch für den Stadtstaat evident und die politische Stabilität sowie die gesunden Fundamentaldaten der nationalen Volkswirtschaft konnten nur noch schadensbegrenzend wirken: Von deutlichen 6,2% im ersten Quartal 1998 sackte das BIP-Wachstum im zweiten auf 1,8% ab; im dritten Quartal jedoch mußten die offiziellen Stellen "negatives Wachstum" in Höhe von 0,7% vermelden [1].

Zum ersten Mal seit 1985 wuchs Singapurs Wirtschaft nicht mehr, sondern schrumpfte. Die aufgrund der demographischen, territorialen und folglich nationalen raumwirtschaftlichen Einschränkungen des Stadtstaates forcierte intensive Verflechtung mit der Region entwickelte eine Eigendynamik, welche sich der Kontrolle der Wirtschaftsplaner in Singapur entzog. So konstatierte denn auch die Neue Zürcher Zeitung: "In der drastischen Verschlechterung von Singapurs Wirtschaftsdaten spiegelt sich ... die Tatsache wider, daß der bestgeführte Kleinstaat in einem widrigen Umfeld nicht unbehelligt bleiben kann." [2]

Das Bewußtsein um die starke Abhängigkeit von weltwirtschaftlichen Einflüssen bestimmte bereits in der Vergangenheit die strategischen Entscheidungen der Regierung Singapurs. Anpassung an veränderte ökonomische Rahmenbedingungen wurde durch zahlreiche Maßnahmen wie der selektiven Unterstützung zukunftsweisender Industrien und einer umfassenden Human-Ressource-Politik betrieben. Schneller sektoraler und qualitativer Strukturwandel war und ist in Singapur staatlich verordnetes Programm. Dazu gehört auch die regelmäßige Überprüfung und Bewertung der ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit im Hinblick auf internationale Anforderungen.

Committee on Singapore´s Competitiveness

- four main findings -

Singapore must

Quelle: EDB: Singapore Gears Up for New Growth Wave, elektronisch veröffentlicht, URL: http://www.sedb.com.sg/cf-bin/home.cfm (Stand: 01.01.99).

Im November 1996 kündigte Singapurs Premierminister GOH CHOK TONG die Berufung einer hochkarätig besetzten Kommission an, die sich kritisch mit der Entwicklung Singapurs auseinandersetzen und strategische Ansätze für eine potentiell notwendige Strukturreform erarbeiten sollte. Im Mai 1997 konstituierte sich das 'Committee on Singapore´s Competitiveness' (CSC) unter dem Vorsitz des Ministers für Handel und Industrie, LEE YOCK SUAN, mit der geforderten Zielsetzung "to assess the competitive standing of the Singapore economy over the next 10 years, taking into account global trends and how 'existing and emerging competition' is likely to shape up; and, to identify problem areas and propose strategies and policies to maintain and hone Singapore´s competitive position." [3]

Der Bedeutungsgehalt dieses "third economic blueprint" [3] wurde auf eine Stufe mit dem 'Economic Recovery Plan' von 1985 und dem 'Strategic Economic Plan' von 1991 gestellt, zwei Handlungsplänen, deren Befolgung maßgeblich zum ökonomischen Erfolg des Stadtstaates beigetragen hat.

Die Arbeit der Kommission sollte im Januar 1998 fertiggestellt sein, doch wurde zu diesem Zeitpunkt klar, daß die Finanz- und Wirtschaftskrise in den südostasiatischen Nachbarländern die Wettbewerbsverhältnisse in der Region entscheidend verschieben würde. Die sich verstärkende zwischenstaatliche Konkurrenz und die schwindenden Profitspannen in allen Wirtschaftsbranchen veranlaßten die Kommission, ihren Rahmenplan für Singapurs Zukunft zu überarbeiten.

Im Oktober 1998 stellte GOH die vier zentralen Resultate des Berichts vor:

1. Develop a Knowledge Economy

Als eminent wichtige staatliche Aufgabe identifizierte das CSC die Einleitung eines Transformationsprozeß zu einer "knowledge economy", einem Wirtschaftsgefüge, das durch verstärkte Handels- und Investitionsströme, neue Produktionsformen und intensivierten Finanztransfer gekennzeichnet ist, hohe qualitative Ansprüche an die personelle und materielle Infrastruktur stellt - und dessen Wertschöpfung stark auf der Basis von Wissen beruht. Wissen wird zum zentralen komparativen Vorteilsfaktor dieser Wirtschaft und somit Basis für ihren Erfolg; Wissen gewinnt also gegenüber den klassischen Produktionsfaktoren immer mehr an Bedeutung. Besonders wichtig bei dem organisatorischen Unterbau dieser hochentwickelten Wirtschaft ist ein leistungsfähiges Kommunikationspotential, welches exzellente Möglichkeiten zum Austausch und zur Ansammlung von Informationen bietet. Der Aufbau eines international verflochtenen Wissenspools ("well linked to other knowledge hubs in other parts of the world") bietet gerade für das an natürlichen Ressourcen arme Land Singapur die Chance auf dauerhafte ökonomische Prosperität in der Zukunft.

Als wesentlicher Beitrag zur Erreichung der "knowledge economy" gelten erfolgreiche Leistungen im Bereich Forschung und Entwicklung. Im vergangenen Jahrzehnt hatten in Singapur bereits verstärkt Bemühungen stattgefunden, den bis dato als spärliche perzipierten "Research & Development"-Aktivitäten durch massive staatliche Förderung Entwicklungsimpulse zu verschaffen. Umfassendere Bemühungen, wie die Errichtung eines 125ha großen Wissenschaftsparks (Singapore Science Centre) in der Nähe der National University of Singapore, sollen der Bedeutung von Hochtechnologie als Determinante für das Wachstum der Wirtschaft gerecht werden.

2. Be a Global Services Hub

Der zweite Kernpunkt des Berichtes betont den Bedeutungzuwachs, den der tertiären Sektor für Singapurs Entwicklung erfahren wird; konsequent solle deshalb die traditionelle Stärke im Bereich Handel, Transport, Finanzdienstleistungen und Tourismus ausgebaut, daneben neue Dienstleistungen in den Segmenten Medien, Kommunikation, Gesundheit und Bildung durch massive Förderung geschaffen und angesiedelt werden. Wirtschaftsstrukturelles Ziel ist die Etablierung eines "Global Services Hub", eines Knotenpunkte im weltweiten Netzwerk des Angebots und der Nachfrage nach Dienstleistungen. Die Absicht, in der sich verstärkenden Globalisierung der Wirtschaftsstrukturen eine dieser Schnittstellen zur Kontrolle und Lenkung von Investitionsentscheidungen, Kapital- und Gütertransfers einzunehmen und mehr als nur das "Sprungbrett" für Südostasien zu sein, haben die Planer in Singapur mehrfach ausgedrückt. Als Standort hochrangiger Funktionen arbeitet Singapur an der Vision, zu einem zentralen Ort der globalen Ökonomie zu werden und sieht darin seine sichere "Nische" der Zukunft. Das CSC zählt zu konkreten Maßnahmen der Zielerreichung die Bemühungen um den Aufbau einer hochentwickelten Informationstechnologie-Infrastruktur im Stadtstaat, die Unterstützung des neuen elektronischen Handels ('electronic commerce') und die staatliche Liberalisierung im Finanzbereich auf.

Der Bericht betont aber auch weiterhin die Bedeutung des industriellen Sektors für die Wirtschaft Singapurs ("... the Singapore economy in the next millennium will continue to be powered by the twin engines of manufacturing and services." [3]) und bestätigt somit die sektorale Doppelstrategie des 'Strategic Economic Plans'.

In bezug auf den sekundären Sektor seien allerdings Transformationsprozesse einzuleiten: So soll sich die Tiefe der Fertigung verändern und größere Teile der Wertschöpfungsketten in Singapur übernommen werden. Dazu gehört der Aufbau von Kapazitäten in der Logistik, dem Marketing und Verkauf, vor allem aber in Forschung und Entwicklung sowie Design.

3. Have a Skilled Workforce

Das CSC hebt hervor, daß den Fähigkeiten der singapurischen Arbeitnehmerschaft zukunftsentscheidende Bedeutung zukommt ("...the quality of the Singapore workforce remains the key to our continuing success."[3]). Die Ausbildung und Förderung der Bevölkerung soll noch stärker als bisher von öffentlicher Seite unterstützt werden. Dazu wird derzeit das staatliche Bildungssystem überprüft und das 'Skills Redevelopment Program' geschaffen. Desweiteren wird die bisher bereits praktizierte Methode bejaht, ausländische Fachkräfte bei Engpässen anzuwerben. Rund 50.000 solcher "Expatriates" arbeiten derzeit in Singapur und stellen mit ihren Familienangehörigen ca. 1,75 Prozent der Gesamtbevölkerung der Inselrepublik dar.

Die Verschiebungen zwischen den Wirtschaftsbereichen hatten in Singapur bereits in den vergangenen Jahrzehnten eine konstante Veränderung der Beschäftigungsstruktur verursacht. Die erwartete, in den ersten beiden Planpunkten skizzierte Transformation wird weitere tiefgreifende Folgen für den nationalen Arbeitsmarkt haben.

Staatliches Handeln, welches Bildung allen gesellschaftlichen Schichten zugänglich macht, ist gefordert, damit sich die zukünftige "Wissensgesellschaft" nicht zur Klassengesellschaft zementiert. In der Vergangenheit konnte Singapur auch bei dieser Herausforderung Erfolge erzielen: Die soziale Struktur des Stadtstaates weist für Asien erstaunlich geringe Disparitäten auf. Durch intensive staatliche Bildungsprogramme gelang es die Analphabetenrate auf 7,8% (1996) [4] zu drücken.

4. Forge a Strategic MNC-Local Corporation Partnership

Die gezielte Einbeziehung von ausländischen Direktinvestitionen brachte Singapur die notwendigen neuen Entwicklungsanstöße für den ökonomischen Erfolg der letzten Dekaden. Multinationale Unternehmen (Multinational Corporation (MNC)) sind heute zentrale Wirtschaftsakteure in Singapur: Die ca. 4000 in Singapur ansässigen "Multis" erwirtschaften ein Exportvolumen von rund der Häfte des nationalen Bruttoinlandsprodukts.

Daß Singapur bereits jetzt zu einem Schauplatz spezifischer globaler Prozesse geworden ist, verdankt es seinen Bemühungen, sich als "Total Business Center" den Aktivitäten der internationalen Unternehmen zu verschreiben und mit ihnen die Verflechtung in die Weltwirtschaft zu suchen.

MNC werden auch weiterhin als die Chance für das kleine Singapur begriffen. In dem Maße, in dem multinationale Unternehmen verstärkt zu bedeutendsten Akteuren im Prozeß ökonomischer Globalisierung werden, hofft Singapur auf eine prosperierende Zukunft. "Without the MNCs, there will be no modern Singapore." [3] Dieser Satz bringt die Ansicht des CSC auf den Punkt. Die bedeutende Rolle der multinationalen Konzerne für die bisherige Entwicklung gilt auch als Patentrezept für die Zukunft. "... we recognise the significant role played by foreign MNCs in the development of the Singapore economy and we reaffirm their pivotal role in Singapore´s future economic development." [3]

In enger Wirkungsbeziehung zu dem Begünstigen von MNC stellt das CSC das Festigen von lokalen Unternehmensstrukturen. Die Hinwendung zu den "eigenen" singapurischen Unternehmen basiert auf der Erkenntnis, daß einige von ihnen mittlerweile genug Kompetenzen und Ressourcen aufgebaut haben um zu eigenständigen "Global Playern" in der Weltwirtschaft zu werden. Ausländische MNC sollen nach Möglichkeit dazu bewegt werden, diesen Entwicklungsweg der lokalen Unternehmen durch strategische Partnerschaften zu unterstützen. Wieweit sich diese Absicht mit den privatwirtschaftliche Partikularinteressen der Konzerne vereinbaren lassen, erklärt das CSC nicht.

Der vom CSC vorgestellte Strategieplan enthält keine spektakulär neuen Erkenntnisse. Er fügt sich vielmehr stark in die Anregungen der vorhergehenden Handlungspläne ein; so werden die Leitideen "Singapurs als Stadt der Informations- und Wissensgesellschaft" und "Singapur als globaler ökonomischer Knotenpunkt" bereits seit einiger Zeit aktiv verfolgt.

Als sicher gilt, daß sich der internationale Wirtschaftsstandort an der Südspitze der malaiischen Halbinsel Singapur zu einem bedeutenden globalen Steuerungszentrum der Weltwirtschaft entwickelt. Wieweit die immer noch krisengeschüttelten Asien-Märkte diese Entfaltung verzögern, wird sich herausstellen.

Quellen:

Stand: Jan. 99

Paul Blazek, cand. M.A., studierte an der RWTH Aachen Wirtschaftsgeographie, Internationale Technische und Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Psychologie und beschäftigte sich im Rahmen seiner Magisterarbeit mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel in Singapur.

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