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Pacific News 12 Februar/März 1999

Werden die Aborigines um Entschuldigung gebeten?

Despina Racota

Noch 352.000 zählen die Aborigines, knapp 2 % der Bevölkerung Australiens. 30% von ihnen leben in Städten, 30 % in ländlichen Gebieten und der Rest in abgelegene Regionen, wo elektrischer Strom und fließendes Wasser keine Selbstverständlichkeit sind. Da herrschen andere kulturelle Gewohnheiten, die das Aborigines-Selbstverständnis prägen. Zum Beispiel gilt die Schulbildung nicht als vorrangig. Man „lernt" hauptsächlich in der Familie. Das ist eine Tatsache die die weißen Lehrer frustriert. Fast die Hälfte aller Aborigines-Jugentlichen haben keinen Schulabschluß. Besonders in ländlichen Gebieten sind Schulen und Gymnasien zum Teil über 100 km von den Gemeinden entfernt und somit schwer erreichbar. Die Regierung, zusammen mit der Anglikanischen Kirche, führte einen regelrechten Genozid, indem sie Aborigines-Kinder gewaltsam von ihren Eltern trennten. Diese Praxis riß zwischen 1910 und 1979 etwa 100.000 Kinder aus ihren Familien. Trotz allem gibt es 24 Aborigines-Ärzte, 60 Medizinstudenten, 9.000 die die Universität besuchen und 30.000 die höhere Schulbildung erwerben, betont John Herron, Minister für Aborigines-Angelegenheiten.

Tatsache ist, daß die Lebenserwartung der Aborigines (62 Jahre bei Frauen und 57 bei Männer) wesentlich geringer als die der Weißen (81 Jahre für Frauen und 75 für Männer) ist. Ihr Gesundheitszustand ist schlecht. Diabetes und Asthma sind unter Aborigines weitverbreitete Krankheiten. In manchen Gemeinden leiden bis zu 30 % der Einwohner an Diabetes. Die Anzahl der Kinder, die bei der Geburt sterben, liegt zwei- bis viermal über dem australischen Durchschnitt. Viele sind Alkoholiker. Die Zahl der Häftlinge ist überpoportional hoch. Auch die Gerichte und die Polizei tragen Verantwortung für diesen Zustand, indem sie häufig gegenüber Aborigibes härtere Urteile aussprechen als gegenüber Weißen. Ebenso gravierend ist die hohe Todesrate in den Gefängnissen, trotz detaillierten Empfehlungen zur Verbesserung der Lage in den Gefängnissen. Die Aborigines-Arbeitslosigkeit liegt bei etwa 38 %, gegenüber 9 % bei Nicht-Aborigines. Somit sind fast die Hälfte aller Ureinwohner völlig von Wohlfahrtsunterstützung abhängig und bleiben in einem Armutskreis gefangen. Und das, obwohl Millionen Dollar in Aufbau, Hilfs- und Wiedergutmachungsprogramme fließen. Das von Aborigines-Kommissionen verwaltete Geld versickert oft in den Taschen von Funktionären, ohne die wirklich Bedürftigen zu erreichen. Minister Herron bestreitet diese Tatsache nicht und erklärt, daß der Clan der Mittelpunkt der Aborigines ist und wer Einfluß ausübt oder eine Position innehat zur Hilfe verpflichtet ist. Mit der europäischen Denkweise und mit den Regeln des „weißen System" läßt sich dies kaum in Einklang bringen. Der Etat der halbstaatlichen Dachorganisation der Aborigines, der Aboriginal and Torres Strait Islander Commission (ATSIC), wurde für die folgende vier Jahre um 400 Mio. australische Dollar, d.h. um 40 %, gekürzt.

Ein neuralgischer Punkt der Streitigkeiten sind die verweigerten Landrechte. Da die Aborigines keine urkundlicher Nachweis erbringen können, wurde ihnen der Anspruch auf ihre Territorien lange Zeit verweigert. Erst 1992 kam es zu einem aufsehenerregenden Urteil des Obersten Gerichtshofes. Edward Koiki Mabo konnte seinen Anspruch durchsetzen, daß das Land auf den Murray Island vor der Ankunft von James Cook 1788 seinen Vorfahren gehörte. Der Landraub durch die Weißen war somit anerkannt. Nach dem Mabo-Urteil verabschiedete die Regierung 1993 den Native Title Act (NTA). 1996 folgte das Wik-Urteil. Demnach haben die Aborigines nicht nur einen Anspruch auf Ländereien in öffentlichem Besitz, sondern auch auf diejenigen, die von privaten Pächtern genutzt werden. Bis zu dem Zeitpunkt war man davon ausgegangen, daß durch Nutzung und Besitzansprüche von Privatpersonen das Eigentum der Aborigines erloschen sei. Das Wik-Urteil entschied, daß die Landrechte der Aborigines neben den Nutzungsrechten der Pächter weiterbestehen, wobei dem Existenzschutz der Pächter im Streitfall größeres Gewicht beigemessen werden soll. Die Aborigines reagierten schnell und massiv auf das neue Gesetz: 699 Rechtsansprüche, die 67 % des Landes umfassen liegen bis heute vor. Jedoch konnten nur in zwei Fällen Einigkeit erzielt werden. 14,5 % des Landes gehört heute den Aborigines. Heftige Proteste der Lobby der Viehzüchter und Bergbauunternehmer löste das Wik-Urteil aus, denen sich die Regierung Howard in September 1997 durch eine Gesetzänderung beugte. Investitionen verzögerten sich oder wurden verhindert. Erst in dem zweite Anlauf gelang es der Regierung, einen Kompromiß zwischen der Bundesregierung und dem Senat zu schließen. Er sieht vor, daß Aborigines nicht mehr in allen sie betreffenden Landfragen das entscheidende Wort haben. Bei strittigen Bergbauvorhaben kann die Verhandlungsführung auf Landesregierungen und staatliche Körperschaften übergehen. Und somit werden die Aborigines faktisch entmündigt.

Zu der Politik der Regierung Howard gehört auch das Phänomen Pauline Hanson, die eine starke Medienpräsenz genießt. Sie gilt als Magnet für enttäuschte Wähler der konservativen Regierungsparteien. Während in anderen Länder allmählich die Idee der ethnischer und kulturellen Vielfalt akzeptiert wird, setzten Pauline Hanson und ihre Partei One Nation, als „Stimme der kleine Leute, die keiner versteht", erneut auf die rassistische Ausgrenzung all derjenigen, die nicht in das Bild des durchschnittlichen Australiers passen. Aborigines und asiatische Einwanderer werden zu Sündenböcken für die wirtschaftliche Not der australischer Farmer ausgestempelt. Die Abschaffung jeglicher sozialer Unterstützung für Aborigines und die Beschneidung der Landrechte  waren prägnante Forderungen im Wahlprogramm der One Nation. Hanson schreckt nicht einmal davor zurück die Aborigines des Kannibalismus zu beschuldigen. Um ihre Mehrheit bei den Wahlen von 3. Oktober zu retten übernahmen die konservativen  Regierungsparteien hansonsche Schlagwörter wie „alle Australier sollen gleich behandelt werden", „privilegierte Aborigines" oder „korrupte indigene Organisationen". Nicht weniger auffällig war die starre Haltung der Regierung gegenüber den Vereinten Nationen. Als die UNO eine Studie über Rassismus in Australien anfertigen wollte, verweigerte die Regierung ihre Zustimmung.

200 Jahre lang haben die Weißen den Schwarzen, die Einwanderer den Ureinwohner, alles weggenommen: Das Land, die Würde, die traditionelle Entfaltung. Am 26. Mai 1998 hat sich Australien auf den Weg der Sühne und der Versöhnung gemacht. In den australischen Rathäusern lag an diesem Tag der Versöhnung ein Sorry Book aus. Jeder Freiwillige konnte durch seine Unterschrift die Aborigines um Verzeihung bitten. Bisher haben guter Wille und echtes Bemühen keine Befriedigung gebracht. Gesetze zugunsten der Aborigines erweisen sich als Quelle neuen Streits und langwierigen Verhandelns. Die massive finanzielle Hilfe schafft neue Abhängigkeit und lädt sogar zum Mißbrauch ein.

Die Dachorganisation der Aborigines fordert von der erneuten wiedergewählten liberal-nationalen Koalition des Premierministers Howard die Anerkennung der Landrechte und deren Schutz in der Gesetzgebung, sowie der kulturellen Identität und deren juristische Absicherung. Weiterhin bleibt die Bekämpfung der sozialen Benachteiligung der Aborigines ein Desiderat. Dennoch kann man von einem Fortschritt sprechen: Zum zweiten Mal in der Geschichte Australiens zieht ein Ureinwohner im Parlament in Canberra ein. Der 36-jährige Aden Ridgeway wird ab Mitte 1999 im Senat sitzen. Ridgeway, der für die linksgerichteten Demokraten ins Rennen gegangen war, hat sich in der Vergangenheit als Rechtsvertreter der Aborigines einen Namen gemacht. In der Zukunft wird er sich, laut seiner Ankündigung, hauptsächlich der Versöhnung der Aborigines und der Einwanderer und deren Nachkommen widmen.

Quellen

Liz. Dipl.Geogr. (RO) Despina-Simona Racota cand. M.A. studierte Geographie und Germanistik an der Babes-Bolyai-Universität in Cluj-Napoca/Rumänien und an der RWTH Aachen. Zur Zeit wissenschaftliche Mitarbeiterin im Unterausschuß für Menschenrechte des Europäischen Parlamentes. Forschungsschwerpunkte: Internationale Migration, ethnische/religiöse Minderheiten und Menschenrechte, südostasiatischer und pazifischer Raum.

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